Dienstag, 25. Februar 2014

Early One Morning





Titel: Early One Morning 

Fandom: Buffy
Inhalt: 
Ein Oneshot über Williams Entscheidung, seine Mutter zum Vampir zu machen, und deren Hintergründe...

Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Teil: 1/1
Disclaimer: 
Alle in dieser Story verwendeten Charaktere und Grundkonzepte sind Eigentum der jeweiligen Rechteinhaber. Sie werden einzig und allein zu Unterhaltungszwecken genutzt. Eine Copyright-Verletzung ist weder beabsichtigt noch impliziert.

Songtext:
 Early One Morning (englisches Volkslied)

Hauptcharakter(e)/Paar(e): 
William/Drusilla, William/Cecily, Anne Pratt

 




Immer noch liefen Tränen über seine Wangen, während er die letzten größeren Schnipsel seiner lächerlichen Dichtkunst in kleine Stücke riss. ,Sie stehen weit unter mir.’, hatte sie gesagt und ihn damit auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht.



Ja, sie hatte Recht. Wie hatte er nur annehmen können, dass er so einen wundervollen Menschen wie sie verdiente? Jemanden wie sie? William hatte nur einen Traum gelebt, sich eingebildet, sie wären füreinander geschaffen. Sie beide, etwas besonderes, gemeinsam anders als die anderen, die ihn nie hatten verstehen wollen.
Cecily... Der Name, der seine Tage erhellt, ihm die Inspiration für seine Gedichte eingegeben hatte, war ihm nun für alle Zeiten vergällt worden. Er konnte einfach nicht mehr an sie denken, ohne Schmerz über die Tatsache zu empfinden, dass er nicht gut genug für sie war.
Doch da war nicht nur Kummer in ihm. Nein, tief in seinem Inneren fühlte er Wut in sich aufsteigen. Wut darüber, so behandelt worden zu sein.
Wie konnte sie nur? Wie hatte sie ihn nur so verhöhnen, ihn so demütigen können?


Aber sein Herz gebot ihm, nicht auf diese Einflüsterungen zu hören. Er konnte doch auf diese Art und Weise nicht über seine große Liebe denken, nur weil er ihrer nicht würdig war!
Schließlich war er nur der Sohn einer nicht übermäßig begüterten Frau, deren Mann sie verlassen hatte, kurz nachdem ihr Sohn geboren worden war. Er war kein Adeliger, kein reicher Mann, der einer Frau die Welt zu Füßen legen konnte.
Und doch... die kleine Stimme wollte nicht aufhören, ihn zu quälen, ihn dazu zu bringen, aufzubegehren und sich für die ihm zugefügte Schmach in irgendeiner Form zu rächen.
 


Plötzlich bemerkte er aus den Augenwinkeln einen Schatten, der auf ihn zutrat. Wenig später erklang eine fremde Frauenstimme, deren Klang etwas Hypnotisches an sich hatte. Wie der betörende Singsang einer Hellseherin in den dunklen Straßen der Stadt, die ahnungslose Passanten in ihr Reich locken wollte „Ich frage mich, welch furchtbares Unglück der Himmel wohl geschickt haben mag, dass dieser fremde, gutaussehende Herr so leidet?“ 
Er sah auf und erblickte eine dunkelhaarige Schönheit, die ihn interessiert und mit einer Spur von eigenartigem Mitgefühl musterte. Auf einmal überkam ihn Verlegenheit. Einerseits darüber, dass auf seinen Wangen immer noch die Tränenspuren zu sehen sein mussten, und andererseits darüber, dass eine Unbekannte ihn bemitleidete. Der letzte Rest, der von seinem Stolz noch übriggeblieben war, weigerte sich, sich dieser Dame anzuvertrauen. „Gar keins. Ich möchte lieber allein sein.“ Er versuchte, soviel abweisende Kälte wie möglich in seine Stimme zu legen, aber dieser Versuch scheiterte kläglich. 


Und sie schien nicht so schnell aufgeben zu wollen. „Ich verstehe.“, behauptete sie und trat einen Schritt auf ihn zu. „Ein Mann umgeben von Unwissenden, die seine Talente nicht erkennen. Seine Fantasie, seine Größe.“ 
Überrascht sah er zu ihr auf. Sie schmeichelte ihm nur. Doch ihre Worte klangen so ehrlich und berührten den Teil in ihm, der sich durch Cecilys Abweisung gedemütigt fühlte und auf Wiedergutmachung für diese Schmach sann. Sein Stolz, wie er vermutete.


Die Fremde fuhr ungerührt fort, während sie mit ihrer linken Hand vor ihrem Bauch eine kreisende Bewegung vollführte, die ihn zugleich beunruhigte als auch auf eine seltsame Art und Weise faszinierte. Zumal ihre Stimme immer mehr diesen betörenden Klang annahm. „Diese Schmach beherrscht mehr und immer mehr deine Gedanken.“ Sie trat näher an ihn heran. Zu nahe für seinen Geschmack. Der leichte Bann, in den ihre Erscheinung ihn gezogen hatte, brach und er sprang erschrocken von dem Heuballen auf, auf dem er gesessen hatte. Warnend hob er den linken Zeigefinger, doch seine Stimme zitterte viel zu sehr vor Nervosität, als dass er sie hätte beeindrucken können. Das war ihm sofort klar. „Äh, das, das ist aber jetzt... äh... nah genug.“ Verlegen ließ er seinen Finger sinken, als er bemerkte, wie albern dies wirken musste. „Ich habe von den Londoner Taschendieben wohl gehört. Sie bekommen meine Börse nicht, das sag ich Ihnen.“ 


Er wich noch etwas weiter vor ihr zurück, als sie kurz vor ihm in die Knie ging und ihn ansah, als wäre er ein kleines verängstigtes Kind, das man beruhigen musste. „Ich will nicht deine Börse.“ Sie erhob sich wieder, als er verwundert stehen blieb, gefangen von dem entrückten Blick, mit dem sie ihn betrachtete. Langsam kam sie auf ihn zu. Sie schien fasziniert von ihm zu sein, wie eine Motte vom Licht, angezogen von etwas an oder in ihm, das nur sie sehen konnte. Noch nie in seinem Leben hatte eine Frau ihm solche Aufmerksamkeit zuteil werden lassen. „Dein Wert… liegt hier.“ Sie legte ihre Hand sanft auf seine Brust, dorthin, wo sein Herz lag, das unter ihrer Berührung immer heftiger schlug. „Und hier.“ Ihre Hand wanderte zu seiner Schläfe. 


Am liebsten wäre er weggelaufen. Etwas an ihr beunruhigte ihn zutiefst, doch er konnte nicht genau sagen, was. Es lag in ihrem Blick, ihren Gesten, ihrer Mimik und ihrer Ausstrahlung. Eine Ausstrahlung, die von drohender Gefahr, aber auch von einer verbotenen und faszinierenden Welt kündete. 
„In deinem Geist und…“ Sie sah an ihm hinunter und unwillkürlich meldete sich ein vorfreudiges und vollkommen unangebrachtes Kribbeln in seinem Unterleib. Langsam blickte sie auf. „ – deiner Fantasie.“, vollendete sie ihren Satz. In ihren Augen glaubte er einen wissenden Ausdruck zu erkennen und wurde augenblicklich rot. Sie schien ihn vollständig durchschauen zu können. Ihr Kopf begann sich hin- und herzuwiegen, als wolle sie ihn in Trance versetzen. „Du wandelst durch Welten, die sich andere Menschen nicht vorstellen können.“ 
Und sie schien wirklich Erfolg damit zu haben, denn er fühlte sich genötigt, ihr zuzustimmen. Nein, ein Teil wollte ihr unbedingt zustimmen: Sein Stolz. „Oh ja!“ 


Doch plötzlich meldete sich sein Anstand zurück und er schloss für einen Moment lang nervös die Augen. „Ich meine, nein. Ich meine… Mutter erwartet mich.“, versuchte er sich schwach herauszureden, während sie unbeeindruckt den Kragen seines Hemdes öffnete. 
Fast schon gierig musterte sie seinen Hals. „Ich weiß, was du willst. Du willst etwas, das glänzt und glitzert. Du willst…“ Sie zog ihre Hand zurück und betrachtete sie kurz nachdenklich, bevor sie sie zu einer Faust ballte und ihm direkt ansah. Sofort hatte er wieder das Gefühl, in ihren Augen versinken zu können. „ – etwas, das strahlt.“ 
Da war es, das Wort, dass er vor einer halben Stunde noch so verzweifelt gesucht hatte. Ein Synonym für Schimmern, das ebenso die Vollkommenheit einer Aura wiedergeben konnte und auf das sich leicht ein Reim finden ließ. Es war, als hätte er endlich jemanden gefunden, der ihn verstand. Eine Seelenverwandte. 
Über sein Gesicht glitt ein erleichtertes Lächeln. „Etwas, das strahlt.“ 


Zärtlich hob sie ihre linke Hand und legte ihm ihren Zeigefinger unters Kinn. „Willst du es jetzt?“, erkundigte sie sich fast schon lauernd. 
Die Berührung ihres Fingers, der sich selbst durch den feinen Handschuh viel zu kalt anfühlte, ließ ihn erzittern. „Oh ja!“ Sie nahm ihre Hand herunter und die seine berührte wie selbstverständlich ihre Brust. Zudem konnte er kaum den Blick von ihrem Körper abwenden. „Gott, ja.”
Sie sah hinunter zu seiner Hand und plötzlich veränderte sich ihr Gesicht. Ihre Augen wurden gelb, Falten bildeten sich auf ihrer Stirn und ihre Zähne schienen zu wachsen und spitzer zu werden. Verwirrt, aber nicht abgeschreckt, sondern eher neugierig betrachtete er ihr neues Aussehen, während sie sich langsam zu seinem Hals hinabbeugte und ihren linken Arm um seinen Nacken legte. Wenig später spürte er, wie sich ihre Zähne in seiner Haut vergruben und er zuckte vor Schmerz kurz zusammen. „Au!”, beschwerte er sich, doch sie unterbrach ihr Tun nicht, presste ihn sogar mit einer Gewalt enger an sich, die er von einer zierlichen Dame wie ihr nie erwartet hätte. 
Er fühlte, wie sein Blut ihn verließ und protestierte mehrmals gequält. Doch mit jedem Schluck, den sie von ihm nahm, verschwand der Schmerz und wich einer erlösenden Seligkeit. All die Dinge, die ihm im Leben wichtig gewesen waren, verloren an Bedeutung, als sich allmählich eine trostspendende Dunkelheit auf ihn herabsenkte. Wie aus der Ferne hörte er plötzlich seine Mutter das Lied singen, mit dem sie ihm als Kind sooft in den Schlaf gewiegt hatte.


Early One Morning, 

Just As The Sun Was Rising, 

I Heard A Maid Sing, 

In The Valley Below.



Oh, Don't Deceive Me, 

Oh, Never Leave Me, 

How Could You Use 

A Poor Maiden So?



William erwachte mit dem Gefühl, Bäume ausreißen zu können. Seine Sinne schienen bis aufs Äußerste geschärft und seine Muskeln strotzten nur so vor Kraft. In seinem bisherigen Leben hatte er sich noch nie so stark gefühlt, so lebendig, so frei und ungezwungen. Er war überzeugt davon, dass sich ihm nun nichts und niemand mehr in den Weg stellen konnte. Niemand würde ihn je wieder ungestraft demütigen, auslachen und vor aller Welt bloßstellen. 
Er blinzelte, als ihm plötzlich etwas Erschreckendes auffiel: Er lag in einem Sarg. Der Geruch von Holz und Erde um ihn herum verriet ihm, dass er zudem wohl auch noch eingegraben worden war. Tief unter der Erde. Wie ein Toter. Panik stieg unwillkürlich in ihm auf, als er sich fragte, wie er sich aus dieser Situation befreien sollte. Er war lebendig begraben worden und irgendwann würde ihm sicher die Luft ausgehen... 
Er blinzelte nachdenklich und hielt den Atem an. Still zählte er die Sekunden, bis sie sich zu mehreren Minuten ausdehnten. Doch nichts passierte. Der Drang, verzweifelt nach Luft schnappen zu wollen, blieb aus. Als hätte er es nicht mehr nötig zu atmen. 


Einer Eingebung folgend tastete er nach Puls- und Herzschlag, aber seine Bemühungen blieben erfolglos. Allmählich verfestigte sich eine Ahnung in seinem Inneren, die immer stärker in sein Bewusstsein drang. Er hatte schon von solchen Wesen gehört, Untote, die nachts durch die Straßen wandelten und sich vom Blut Unschuldiger ernährten: Vampire. Doch bisher hatte er diese Geschichten nur für Schauermärchen gehalten, mit deren Hilfe man kleine Kinder davon abhielt, sich nach Anbruch der Dunkelheit davonzustehlen.
In diesem Moment löste sich ein Wort aus diesen Gedanken heraus und beherrschte bald seine gesamten Sinne: Blut. Sein Magen begann vor Hunger und Verlangen zu knurren, erst leise, dann immer drängender, als er ihn zu ignorieren versuchte. 
Er sah nach oben zum Deckel des Sarges und überlegte nicht lange. Er mochte nun ein Untoter sein, ein Geschöpf der Nacht, aber er wollte hier unter der Erde auf keinen Fall verhungern. Ohne dass es ihm bewusst war, verzerrte sich seine Miene augenblicklich zu einer dämonischen Fratze. Er ballte seine rechte Hand zu einer Faust und schlug mit aller Kraft zu. Holz brach und feuchte Erdklumpen rieselten auf ihn herab. Ihn störte dies wenig. Er würde sich nach oben graben, sich ein Opfer suchen, an dem er seinen Durst stillen konnte, und dann zu seiner Mutter zurückkehren, um ihr zu berichten, was ihm widerfahren war. Sie machte sich bestimmt schon große Sorgen um ihn. Und das in ihrem körperlichen Zustand!


Remember The Vows, 

That You Made To Your Mary, 

Remember The Bow'r, 

Where You Vowed To Be True.



Oh, Don't Deceive Me, 

Oh, Never Leave Me, 

How Could You Use 

A Poor Maiden So?



„Du meinst, deine Mum soll mit uns gehen?“ Drusilla verstand sein Anliegen nicht, das konnte er ihr ansehen. Ihr irritierter Gesichtsausdruck verwunderte ihn.
Während er sich aus dem Sarg befreit hatte, hatte er schon befürchtet, die mysteriöse Fremde hätte ihm nur etwas vorgemacht, um an sein Blut zu kommen. Doch sie hatte an seinem Grab auf ihn gewartet und begeistert in die Hände geklatscht, als er mit seinem Kopf durch die Erdoberfläche brach. Wie eine stolze Mutter, deren Sohn endlich das Laufen gelernt hatte.
Er war erleichtert gewesen, dass sie noch da war. Dass sie ihn, den Vampir William, erschaffen hatte, um einen Gefährten zu haben. Um mit ihm zusammen die Welt zu beherrschen und all jene zu strafen, die es gewagt hatten, ihn zu demütigen.
Er hatte geglaubt, dass sie nun umso engere Seelenverwandte wären. Doch nun -. 
Sie sah skeptisch aus, vielleicht auch ein wenig eifersüchtig, wenn das Glück ihm hold war. Aber sie verstand ihn nicht. Nicht im Geringsten. 


Er konnte doch seine Mutter nicht allein lassen! Nicht nachdem sie bereits von seinem Vater verlassen und zudem noch an Schwindsucht erkrankt war. Sie hatte einmal gesagt, dass er die einzige Bezugsperson war, die sie noch hatte, als er noch ein kleiner Junge gewesen war und sich beim Spielen schlimm verletzt hatte. Dass er deshalb besser auf sich aufpassen sollte.
Er war der einzige Mensch, der sich um sie kümmerte. Und sie hatte sich schließlich immer um ihn gekümmert, ihm geduldig zugehört, ihn unterstützt und niemals ausgelacht. So wie all die anderen. Er konnte sie nicht im Stich lassen, so wie es sein Vater getan hatte! Er war nicht wie sein Vater! 
Dru schien dies nicht begreifen zu wollen. Nur weil er nun ein blutsaugender Vampir war, den es danach dürstete, Menschen das Herz bei lebendigem Leib aus der Brust zu reißen, hieß das nicht, dass er sich in seinen Vater verwandelte. Er war ein Monster, kein verantwortungsloser Feigling, der eine todkranke Frau verließ, die allzeit für ihn da gewesen war. 


Plötzlich trat seine Mutter ins Zimmer. Er konnte ihre Besorgnis fühlen und riechen, noch bevor sie ihm erklärte, wie viel Angst sie in den letzten Tagen um ihn gehabt hatte. Er versuchte, sie zu beruhigen, ihr zu erklären, dass es ihm nie besser gegangen und er sie bald für alle Zeit von ihrer Krankheit befreien würde. Sie verstand ihn nicht, wich sogar ängstlich vor ihm zurück. Als Mensch hätte ihm das vielleicht einen schmerzhaften Stich versetzt, doch als Vampir war er sich seiner Sache viel zu sicher, um so etwas wie Bedenken oder Schuldgefühle zu empfinden. Er war darüber hinaus. 
Jedenfalls redete er sich dies ein.
Zitternd ließ sie sich von ihm umarmen, obwohl er fühlte, dass sie am liebsten weglaufen wollte. Sie spürte seine Veränderung, sah sie ihm an und wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte, so vermutete er. 
„Wir werden für alle Zeiten zusammensein.“, versprach er ihr, bevor sein Gesicht sich veränderte. „Es tut nur einen Augenblick weh.“ Dann schlug er seine Zähne in ihren Hals.


Oh Gay Is The Garland, 

And Fresh Are The Roses, 

I've Culled From The Garden, 

To Place Upon Thy Brow.



Oh, Don't Deceive Me,

Oh, Never Leave Me, 

How Could You Use 

A Poor Maiden So?



Nachdem er sie verwandelt hatte, hatte sie sich verändert. Zuerst wollte er es nicht sehen, als sie mit der alten Spieldose in der Hand ins Zimmer kam, aus der die Klänge ihres Lieblingsliedes an sein Ohr drangen. Er war zu erleichtert darüber, dass sie nicht mehr krank war und plötzlich wieder so jung und gesund wirkte. Er redete sich ein, es wäre wie früher, bevor sie erkrankt war. Doch er irrte sich. Er irrte auf so fatale Weise. 
Es begann, als sich der Ausdruck in ihren Augen wandelte. Dieser wurde auf einmal kalt, abweisend und höhnisch. So ähnlich denen der Männer und Frauen, die ihn bei öffentlichen Anlässen gedemütigt hatten. Es war, als würde sie seinen größten Schwachpunkt, den seine Vampirwerdung nicht hatte auslöschen können, gegen ihn verwenden. 
Sie beleidigte ihn, kränkte und entwürdigte ihn, wie sie es im Leben nie getan hatte. 
Doch es wurde noch schlimmer. Sie sagte ihm ins Gesicht, er wäre ein Parasit, ein kleines, lästiges Übel, das sie sich lieber erspart hätte. Er hätte sich nicht verändert, wäre immer noch der schwächliche Tölpel, der er als Mensch gewesen war. Und unweigerlich fragte er sich, ob sie schon immer so empfunden hatte. 


Dann warf sie ihm vor, er hätte sie nur deswegen verwandelt, weil er sie insgeheim begehrte. Sie zu seiner Geliebten hatte machen wollen. 
Noch nie hatte er solchen Ekel für seine Mutter empfunden. Er hatte sie beschützen, sie heilen und für sie sorgen wollen, um nicht zulassen zu müssen, wie sie allein und todkrank vor sich hinvegetierte. Er hatte sie retten, sich um sie kümmern wollen, um ihr das zurückzugeben, was sie ihm sein Leben lang hatte zuteil werden lassen. Er wollte nicht wie sein Vater sein, der sie im Stich gelassen hatte. 
Als sie ihn zu küssen versuchte, stieß er sie grob von sich. Sie reagierte zornig, attackierte ihn und schlug ihn mit ihrem Stock, der daraufhin zerbrach. Ein Blick in ihre Augen genügte, um ihn erkennen zu lassen, dass sie ihn notfalls töten würde. Als sie ihr Vampirgesicht aufsetzte, entdeckte er zum ersten Mal den Dämon in ihrem Inneren. Und begriff, dass er sie töten musste. Er stieß mit dem abgebrochenen Stock, den er zu fassen bekommen hatte, zu und sie verwandelte sich zurück, bevor sie zu Staub zerfiel. Für einen Moment lang sah er wieder seine alte Mutter vor sich, die gütige, geduldige Anne Pratt. 
Der Anblick prägte sich in seinem Gedächtnis ein und ließ ihn mit der bangen Frage zurück, ob sie ihm vielleicht nicht doch ihr ganzes Leben lang diese Güte nur vorgespielt hatte.



Thus Sang The Poor Maiden, 

Her Sorrows Bewailing, 

Thus Sang The Poor Maid, 

In The Valley Below.



Oh, Don't Deceive Me,

Oh, Never Leave Me, 

How Could You Use 

A Poor Maiden So?
 



Ende



Freitag, 21. Februar 2014

Carnival of Rust



Titel: Carnival of Rust 

Fandom: Harry Potter
Inhalt: 
Die Pärchen tanzen ihren Reigen, immer wieder an ihm vorbei, aufdringlich perfekt in ihrer Synchronisation. Draco würde einem von ihnen am liebsten ein Bein stellen, sehen, wie sie fallen und alle anderen mit zu Boden reißen...

Spoiler: Spielt nach dem siebten Buch
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Teil: 1/1
Disclaimer: Alle in dieser Story verwendeten Charaktere und Grundkonzepte sind Eigentum der jeweiligen Rechteinhaber. Sie werden einzig und allein zu Unterhaltungszwecken genutzt. Eine Copyright-Verletzung ist weder beabsichtigt noch impliziert.

Songtext: Poets of the Fall - Carnival of Rust
Hauptcharakter(e)/Paar(e): Draco Malfoy




Die Pärchen tanzen ihren Reigen, immer wieder an ihm vorbei, aufdringlich perfekt in ihrer Synchronisation. Draco würde einem von ihnen am liebsten ein Bein stellen, sehen, wie sie fallen und alle anderen mit zu Boden reißen.
Er wünscht, er wäre nicht hier, sondern weit entfernt von diesem Irrsinn. Doch er muss ausharren, seinen Eltern zuliebe, die diesen unsinnigen Maskenball veranstalten, um positive Schlagzeilen zu machen.
Eine Wohltätigkeitsveranstaltung für die Opfer des Krieges nennen sie es in der Öffentlichkeit, eine Buße für ihre Fehltritte gegenüber ihrem Sohn.
Es ist beides Heuchelei, denn sie werden ihr Vermögen niemals freiwillig für Bedürftige hergeben.



 Der Krieg hat Lucius und Narzissa gezeichnet, sie dazu gezwungen, sich zwischen ihrem Herrn und ihrem Sohn zu entscheiden. Aber nur weil sie Draco gewählt haben, bedeutet dies nicht, dass sie ihre alten Wertvorstellungen einfach aufgeben. Er wird eine reiche Reinblüterin heiraten. Das ist so gut wie beschlossen. Das Einzige, was er bestimmen kann, ist die Frau, die diesen Kriterien seiner Meinung nach am besten entspricht.
Wenn sie nur nicht alle so perfekt in diese Welt der Masken passen würden! Er tut es nicht, nicht mehr nach diesen Nächten der Flucht vor einem arrangierten Leben. Nach diesen Momenten der Schwäche.



 Eigentlich hat seine Welt bereits Risse bekommen, als Er leibhaftig vor ihm stand und ihm den Auftrag gab, die Fehler seines Vaters wieder gutzumachen. Er musste es tun, um sich und seine Familie vor Seinem Zorn zu retten. Er hat seine ganze Kraft aufgebraucht, um vor seinen Mitschülern die Maske des stolzen Todessers aufrechtzuerhalten. Schon damals hatte ihn die Vorstellung, Ihm bis an sein Lebensende dienen zu müssen, mit Grauen erfüllt. Die Angst, zu versagen und bestraft zu werden, hätte ihn bis zu seinem Tod begleitet. Eine Angst, die er trotz der hohen Erwartungen seines Vaters vorher nicht gekannt hatte.



 Nun auf gewissen Traditionen zu bestehen, erscheint ihm wie eine Farce. Der Dunkle Lord ist tot und mit Ihm sind auch Seine Ideale gestorben. Oder?
Manchmal fragt er sich ernsthaft, ob sie daran schuld ist, dass er diese Gedanken hat. Vor ihrer ersten, ungewöhnlichen Begegnung befürchtete er, sie könne ihn anstecken. Jedes Mal, wenn er im Unterricht zu ihr hinübersah und ein Teil von ihm sich danach sehnte, sie auszuziehen, erfüllte ihn diese Furcht. Es war nicht so sehr ihr Blut, das ihn ekelte. Ihre Muggelerziehung schreckte ihn ab.
Was bringen Eltern, die von Magie nichts wissen, ihren Kindern bei?



 Lucius lehrte ihn, dass Muggel Zauberer hassen und ihnen ihre Kräfte und ihre Macht neiden. Dass sie sich deshalb vor den Nicht-Magischen verstecken müssen, weil diese sie sonst verfolgen und töten, aus Angst davor, von Mächtigeren beherrscht zu werden.
Die Hexenverfolgungen des Mittelalters und der Neuzeit gaben ihm immer Recht. Obwohl sich Draco manchmal fragte, warum mächtige Zauberer sich nicht aus den Kerkern der Inquisition befreien konnten.
Doch der Grundgedanke leuchtete ihm ein. Und auch das Motiv, weshalb Muggelstämmige für seine Familie verpönt waren. Schlammblüter würden sich viel zu leicht auf die Seite ihrer Eltern stellen. Ein zu großes Risiko.



Do You Breath The Name Of Your Saviour,
In Your Hour Of Need?
And Taste The Blame, If The Flavour
Should Remind You Of Greed
Of Implication, Insinuation And Ill Will,
Till You Cannot Lie Still
In All This Turmoil Before It Cave And Foil,
Come Closing In For A Kill

 


Und jetzt kann er an nichts mehr anderes denken, als daran, ihr die Kleider vom Leib zu reißen, ihre Haut auf jede erdenkliche Art zu liebkosen und sie in neue Höhen der Lust zu befördern. Er ist verrückt nach ihrem Haar, ihren Lippen, ihren Brüsten, dem flachen Bauch und der Hitze zwischen ihren Schenkeln. Er will nur noch sie, seit er sie das erste Mal gekostet hat.
Es ist verrückt, er ist völlig verrückt, doch dieser Hunger ist überwältigend. Niemals hätte er das für möglich gehalten. Dass Grangers Nähe, ihr Körper, ihr verführerischer Geruch ihn einmal so wahnsinnig machen würden.



 Angefangen hat es mit einem Streit. Wie typisch für sie. Sie streiten immer noch, sobald sie sich treffen, auch wenn es dazu dient, sich gegenseitig anzuheizen. Und eine gewisse Fassade aufrechtzuerhalten, fast wie bei einem Rollenspiel. Diese Masken gefallen ihm wesentlich besser als jene, die er nun vor sich sieht.
All diese Menschen vor ihm geben vor zu bereuen. Sie wollen Muggel und deren direkte Nachkommen respektieren und anstandslos dulden.
Aber keiner von ihnen scheint zu wissen, was Respekt und Akzeptanz ist.
Er muss zugeben, dass er selbst noch Probleme hat, alte Muster abzulegen. Doch er gesteht es sich ein.



 Das hat er auch Granger spüren lassen. Bei ihrem ersten Treffen nach der Schlacht um Hogwarts ist sie als Aurorin zu ihm gekommen, da er einen verbotenen Gegenstand erworben hatte. Sie beschuldigte ihn, den verfluchten Handschuh gegen Muggel einsetzen zu wollen. Dabei war es für ihn nur ein interessantes Sammlerstück. Aber in ihren Augen bestand die Möglichkeit, dass er etwas im Schilde führte.
Der Streit artete aus und sie wurden beide persönlich. Sie beschimpfte ihn in ihrem Zorn mit überraschend direkten Worten. Vorher hatte sie für ihn nie so sexy ausgesehen wie in diesem Moment. Und er schämte sich dafür.



 Aufgrund dessen wurde er abfällig sexistisch und sie verpasste ihm eine Ohrfeige. Das war der Anfang von Ende. Sie hatte ihn zuvor schon einmal geschlagen, doch in diesem Augenblick verspürte er keinen Zorn. Aber er wollte die Kontrolle über die Situation zurückgewinnen und gleichzeitig unbedingt wissen, wie ihre Lippen schmeckten.
Eigentlich hatte er erwartet, dass sie sich empört losreißen und ihn verfluchen würde. Doch sie tat es nicht.
Nach einer kurzen Phase der Überraschung gewährte sie seiner Zunge sogar Einlass in ihren Mund. Von da an konnte er nicht mehr zurück. Er wollte sie ganz und er hat sie bekommen.

 


Danach wurde alles anders und absolut unerträglich. Die fanatischsten Anhänger Voldemorts waren zwar tot oder in Askaban eingesperrt, doch die stillschweigenden Mitläufer leben immer noch unter ihnen. Sie unterstützten Ihn damals mit ihrem Geld, sicherten Ihm bereitwillig ihre Treue zu, als die Todesser sie aufsuchten. Viele taten es aus Angst, aber erschreckend genug handelten aus echter Überzeugung. Und diese sind weiterhin frei.
Er selbst ist mit dem Dunklen Lord fertig und wünscht sich einen solchen Mann auch nicht zurück. Zuerst schämte er sich dafür, bis er erkannte, dass es seinen Eltern ebenso geht.
Trotzdem halten sie an ihren Traditionen fest.



Come Feed The Rain
'Cause I'm Thirsty For Your Love,
Dancing Underneath The Skies Of Lust
Yeah, Feed The Rain
'Cause Without Your Love My Life
Ain't Nothing But This Carnival Of Rust



Früher hätte er dasselbe getan. Weil er es nicht anders kannte. So war es immer, so wird es immer sein. Etwas anderes zuzulassen bedeutet, die Welt, wie sie ist, zu akzeptieren. Und damit auch die steigende Bedeutungslosigkeit reinen Blutes. Und besonders sein Vater kann nicht billigen, dass er nicht besser ist als ein reicher Adeliger der Muggel, der zurückgezogen in seinem Herrenhaus lebt und ab und zu eine Dachsjagd veranstaltet. Oder versucht, sein Gesicht durch Skandale in die Klatschpresse zu bringen.
Draco möchte dies alles am liebsten abstreifen, um nie wieder an seine Beteiligung an Dumbledores Tod erinnert zu werden.
 


Lucius hat diese Zeit schon einmal durchgemacht, nachdem Er das erste Mal verschwand. Ihm bereitet es nicht diese unerträgliche Mühe, die Maske weiterhin zu tragen. Doch sein Sohn sieht den Rost, den die Verkleidung bereits angesetzt hat. Wie hässlich sie schon geworden ist mit jedem Mal, das Er und Seine Vorstellungen sich nicht haben durchsetzen können.
Draco ekelt sich vor dem Rost, dem Schmutz, der langsamen Zersetzung. Und den Schuldgefühlen, die sich allmählich durch seine Maske fressen.
Die erste Nacht mit Hermine machte ihm dies vollends bewusst. Zuerst hasste er sie dafür. Bis er erkannte, dass er genau das will.



 Sie ist wie der Regen, der all den Rost abwäscht. Der die Masken durchweicht und ihm einen berechtigten Grund gibt, sie abzulegen. Seine Welt beginnt, allmählich zu zerfallen, sich immer mehr von der Realität zu entfernen. Mit Seiner Hilfe lagen bestimmte Vorstellungen noch im Bereich des Möglichen, doch der Preis war zu hoch. Und nun sind alle Hoffnung auf eine solche zugegebenermaßen illusorische Zukunft verloren.
Warum muss man dann mit dem sinkenden Schiff untergehen, um seinen Stolz zu wahren? Er will nicht in die Tiefe gerissen werden und ertrinken.
Er will leben und die Vergangenheit ein für alle Mal vergessen.



It's All A Game, Avoiding Failure,
When True Colours Will Bleed
All In The Name Of Misbehaviour
And The Things We Don't Need
I Lust For After No Disaster Can Touch,
Touch Us Anymore
And More Than Ever I Hope To Never Fall
Where Enough Is Not The Same It Was Before


 Er weiß, dass er sich weit vorwagt. Zu weit womöglich. Aber er bereut es nicht, sie nach ihrem ersten Aufeinandertreffen erneut aufgesucht zu haben. Er war erleichtert, als sie sofort darauf einging und sich schließlich auf diese Affäre mit ihm einließ.
Er fragt sie nicht nach dem Grund für ihr Einverständnis. Er will es auch nicht wissen. Soweit ist er noch nicht. Es ist das Verbotene, das Spiel mit seinen Grenzen, ein Ausbalancieren, wie weit er gehen kann, ohne von seinem Drahtseil herunterzufallen.
Das Risiko und das langsame Lösen von der Welt, in der er aufgewachsen ist, spornen ihn an.




Dennoch ist ihm bewusst, dass er sie braucht, um vor all dem, was ihn so anwidert, flüchten zu können. Er braucht einen Gegenpol, eine andere Welt, in die er eintauchen kann. Die Angst davor, sonst in ein bodenloses Nichts zu stürzen, begleitet ihn Tag für Tag. Doch im Gegensatz zu seinen Eltern soll diese Angst ihn nicht dazu zwingen, sich an alten Mustern regelrecht festzukrallen.
Sie werden den Untergang womöglich nicht mehr erleben, aber er ganz bestimmt. Der hässliche Rost auf ihren Masken stört sie vermutlich nicht oder sie ignorieren ihn stoisch. Er hingegen kann den Blick nicht davon abwenden.



 Sein Vater würde ihn ermahnen, sich mit dem zufrieden zu geben, was er hat. Immerhin ist seine Familie eine der reichsten der Zauberergemeinschaft. Milliarden von Galleonen stapeln sich in ihren Verließen in Gringotts. Berge voller Geld, mit denen sich Lucius früher einmal für Ihn ins Ministerium eingekauft hat. Der Garant für ein sorgen- und vor allem schuldenfreies Leben.
Welches Opfer ist es da, eine Reinblüterin zu heiraten, die ihren Namen für bedeutender erachtet als die Realität?
Aber sein Reichtum wird irgendwann denselben Rost ansetzen und zerfallen wie seine Verkleidung.
Und dann kann ihn nichts mehr vor dem erschreckenden Fall bewahren.


 
Ende


Under your Pressure



Titel: Under your Pressure

Fandom: Angel
Inhalt: 
Ein kleiner One-Shot über Wes und seinen Vater: Was überhöhte Erwartungen in einm anrichten können....
Spoiler: Season 5
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Teil: 1/1
Disclaimer: Alle in dieser Story verwendeten Charaktere und Grundkonzepte sind Eigentum der jeweiligen Rechteinhaber. Sie werden einzig und allein zu Unterhaltungszwecken genutzt. Eine Copyright-Verletzung ist weder beabsichtigt noch impliziert.
Hauptcharakter(e)/Paar(e): Wesley Wyndam-Pryce






Das Scotchglas in seiner rechten Hand schwenkt er leicht hin und her, ohne es zu bemerken.
Seufzend schließt er seine Augen, nimmt einen kräftigen Schluck und stellt das Glas entschlossen zur Seite. Es hat keinen Zweck, wenn er sich bewusstlos trinkt und dann aus seinem Büro stolpern muss.
Dann würde er sich noch erbärmlicher vorkommen, als er es bisher tut.
Außerdem fühlt er sich schon innerlich betäubt, leer und ausgelaugt. Auch ohne den Alkohol, der diese Wirkung nur noch verstärkt.



 Es ist seltsam, eigentlich müsste er Schmerz fühlen, Wut, vielleicht sogar Hass, aber da ist nichts. Als hätte man ihm die Fähigkeit dazu genommen, ihn beschnitten, zu einer gefühllosen Hülle gemacht.
Er hat ihm die Fähigkeit dazu genommen. Wie sonst ist es zu erklären, dass er sich jedes Mal so betäubt, so ausgelaugt fühlt, nachdem er mit seinem Vater gesprochen hat?



 Wesleys Blick gleitet ziellos durch den Raum, sein Kopf ist immer noch erfüllt von den unzähligen Vorwürfen, die Roger Wyndam-Pryce ihm in den letzten fünfzehn Minuten an den Kopf geworfen hatte: Warum er die Familie entehrte, indem er für eine dämonische Organisation wie Wolfram & Hart arbeite, weshalb er immer noch loyal zu diesem verräterischen Vampir halte, aus welchen Grund er bitte schön nachts um halb vier anrufen müsse, nur um etwas zu plaudern...



 Er hat einen Grund gehabt, einen sehr gewichtigen Grund. Er wollte die Stimmen seiner Eltern, die seines Vaters hören, um sich zu versichern, dass es nicht wirklich Roger Wyndam-Pryce war, den er vor ein paar Stunden erschossen hat.
Sein schlechtes Gewissen und die Hoffnung, dass Fred vielleicht Recht hat mit ihrer Behauptung, er habe es geahnt, habe es tief in seinem Inneren gewusst, wer dieser Mann wirklich gewesen ist, haben ihn dazu getrieben, zum Telefonhörer zu greifen.
Doch es ist ein Fehler gewesen. Nun ist die Wut wieder da, die verzweifelte Frustration darüber, dass er es seinem Vater nie recht machen wird. Alles, was er tut, kommt einem einzigen großen Fehler gleich. Er wird immer die Schande seiner Familie sein, besonders in Roger Wyndam-Pryce’ Augen.
Was hat er dem Doppelgänger seines Vaters, diesem Roboter, an den Kopf geworfen? Sei ehrlich, Vater, was macht dich so wütend? Dass ich niemals so gut geworden bin wie du? Oder dass ich besser bin?
Er weiß immer noch nicht, welchen Grund Roger hat, seinen Sohn so zu hassen. Was er weiß, ist, dass die Täuschung der Angreifer so unglaublich echt war. Sein Vater hätte genauso reagiert, dieselben Worte benutzt und ebenfalls eine Schusswaffe auf ihn gerichtet.
Oder irrt er sich?



 Nachdem er den Rat hatte verlassen müssen, dachte er, es würde besser werden.
Wenn er schon nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten könne, weil er nicht gut genug für den Beruf eines Wächters sei, dann gäbe es doch sicher eine andere Aufgabe für ihn, für die er geschaffen wäre. Das sagt er sich immer noch jeden Tag im Stillen auf.
Doch egal was er tut, es ist alles nicht genug, es wird niemals gut genug sein.
All die Jahre, an Angels Seite im Kampf gegen das Böse, hat er seine Frustration darüber sehr gut verbergen können, hat sich nichts davon anmerken lassen.
Nur manchmal brach sie hervor, zum Beispiel als er sah, welches Glück Fred mit ihren Eltern hat. Roger und Trish Burkle sind stolz auf ihre Tochter, egal was sie tut: Ob sie nun eine neue physikalische Theorie entwickelt und der weibliche Stephen Hawking wird oder ob sie Dämonen tötet.
Etwas was er wahrscheinlich nie erreichen wird.



 Er seufzt. Nun, er will nicht ungerecht sein. Seine Mutter hat ihn immer verteidigt, ihm Mut zugesprochen. Doch da sie das bisher nur heimlich, nie in Gegenwart ihres Mannes, getan hat, ist er sich nicht sicher, ob sie wirklich stolz auf ihn ist oder damit nur ihr Mitleid und ihr schlechtes Gewissen zum Ausdruck bringt.



 Er greift wieder zum Glas, trinkt es in einem Zug leer. Es ist verrückt. Er hat die fruchtbarsten Dämonen getötet, wahrscheinlich wesentlich mehr als sein Vater. Er hat sein Leben für Angels Sohn riskiert und wäre dabei fast verblutet. Und er hat seine dunkle Seite entdeckt, sich ihr gestellt und gewonnen. Er hat sich verändert, ist härter geworden. Er ist nicht mehr der lächerliche Möchtegern-Wächter wie vor fünf Jahren, der ständig seine Waffen fallen ließ und glaubte, die Realität wäre so, wie die Lehrbücher des Rates sie darstellen. Ja, er empfindet seine Ausbildung zum Wächter als lächerlich lückenhaft. Sie war viel zu theorieorientiert gestaltet und überhaupt nicht auf reale Gegebenheiten zugeschnitten. In den letzten vier Jahren hat er weitaus mehr gelernt als an der Wächterakademie. Weshalb also schafft es sein Vater immer wieder, ihm das Gefühl zu geben, er wäre ein Versager? Warum ist er nicht stolz darauf, dass er einer der wenigen ausgebildeten Wächter ist, die im Feld neben ihrer Jägerin bestehen könnten?



 In gewisser Weise hat Fred Recht. Er zerfleischt sich selbst mit all diesen Fragen, besinnt sich nicht darauf, was er kann und was er ist, sondern auf das, was er sein sollte. Er hat immer nur vor Augen, was sein Vater in ihm sehen will. Ob es nun das Idealbild ist, das Roger Wyndam-Pryce nur allzu gern selbst erfüllen würde, oder die Anforderungen an seinen Sohn sind, ist dabei unbedeutend. Das Einzige was zählt ist die ständige Erkenntnis, dass er die Erwartungen nicht erfüllen kann. Doch ist das wirklich wichtig? Macht es ihn zu einem schlechteren Menschen, wenn er nicht den Wunschvorstellungen seines Vaters entspricht? Sollte er nicht lieber seinen eigenen Vorstellungen genügen? Sollte er nicht eher sein eigenes Leben führen und sich einen Dreck um die Meinung des Älteren scheren? Ja, das sollte er. Doch warum tut er es nicht? Warum hat er sich im Angesicht seines Vaters vom selbstbewussten Leiter der Abteilung für Magie in einen unsicheren Waschlappen verwandelt? Ist das etwa seine Reaktion auf den Erwartungsdruck? Zu dem zu werden, was Roger Wyndam-Pryce immer in ihm sehen wird? Ist das etwa seine Antwort darauf, dass er in den Augen seines Vaters immer ein Versager sein wird? Dass er diesen darin auch noch bestätigt?



 Nein, Fred hat Unrecht gehabt. Dort auf dem Dach wollte er seinen Vater töten. Er wollte ihn dafür bestrafen, dass dieser ihm nie irgendein Lob zugesprochen, ihm nie das Gefühl gegeben hat, geliebt zu werden. Seine Freunde haben ihm dieses Gefühl gegeben, ihn akzeptiert und seine Fähigkeiten zu schätzen gewusst.



 Langsam wird ihm bewusst, dass Roger Wyndam-Pryce am besten keine Rolle mehr als Vorbild in seinem Leben spielen sollte. Er weiß nicht, was sein Vater eigentlich von ihm will, doch er bezweifelt, dass er das jemals herausfinden wird. Und falls dieser Mann irgendwann einmal wirklich seine Freunde bedrohen wird, wird er sie im Zweifelsfall genauso verteidigen wie vor ein paar Stunden auf dem Dach. Selbst wenn er dafür seinen Vater verletzen oder sogar töten muss.



 Mit diesem Gedanken im Hinterkopf steht er langsam auf. Obwohl ein Teil von ihm aufgrund dieser Entscheidung Reue empfindet, verspürt er auch Erleichterung.
Vielleicht wird er sich auf diese Weise endlich von seinem Vater und dem Drang, ihm gefallen zu müssen, befreien können. 



Ende

Donnerstag, 20. Februar 2014

A Difficult Case of Disregard Teil 3



Titel: A Difficult Case of Disregard 

Fandom: Sherlock
Inhalt: 
Manchmal braucht es eine fremde Perspektive, um festgefahrene Verhaltensweisen aufzulockern…   
Spoiler: Season 2
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Teil: 3/3
Disclaimer: Alle in dieser Story verwendeten Charaktere und Grundkonzepte sind Eigentum der jeweiligen Rechteinhaber. Sie werden einzig und allein zu Unterhaltungszwecken genutzt. Eine Copyright-Verletzung ist weder beabsichtigt noch impliziert.
Hauptcharakter(e)/Paar(e): Sherlock Holmes, John Watson




Teil 3

„Warum hast du dich nicht von ihm verabschiedet?“
Claires bohrende Frage traf ihn unvorbereitet, obwohl er sich selbst aufgrund dieses Umstands leichte Vorwürfe machte. Er hatte Sherlock nicht bestrafen noch es so aussehen lassen wollen, selbst wenn es jenen vermutlich nicht einmal im Ansatz so nahe ging wie ihm. „Ich… na ja… ich hab versucht, es ihm zu erklären… mich zu erklären, aber er -.“ Er stockte und vergrub seine Hände noch tiefer in seinen Jackentaschen. Aus einem ihm unerfindlichen Grund schmerzte es ihn, wie sein Freund reagiert oder nicht reagiert hatte.
Seine Begleitung schien das sofort zu begreifen. „Hat nicht einmal geantwortet?“
John seufzte tief. Genau das war es. Dem Gesichtsausdruck seines Freundes in dem Pub und dem Umstand nach zu urteilen, dass dieser ihnen überhaupt gefolgt war, hatte er etwas ganz anderes erwartet. Keine Standpauke, nein, zu solchen Sentimentalitäten würde sich sein Mitbewohner nie herablassen. Aber zumindest ein abfälliger Kommentar, eine rationale belehrende Bemerkung, irgendetwas in der Art war doch nicht zuviel verlangt. Wenigstens ein klitzekleines Anzeichen dafür, was der Consulting Detective empfunden hatte. Was auch immer es gewesen war. So allerdings machte ihm die Zweifel zu schaffen, was genau Sherlock gehört, gesehen oder kombiniert hatte, das ihn derart abweisend hatte reagieren lassen. Und der ehemalige Militärarzt war sich sicher, dass besonders seine Unterhaltung mit Claire über ihre jeweiligen Freunde jenem wahrscheinlich nicht sehr gefallen hatte.


„Ich denke, er ist eifersüchtig.“
Die Schlussfolgerung, die diese Aussage implizierte, machte John sprachlos. Fassungslos starrte er seine Begleiterin an, die ihre Worte augenscheinlich vollkommen ernst meinte. „Wir sind kein… ich bin nicht…. homosexuell.“
Sie lachte amüsiert auf und er befürchtete schon, sie würde ihm gleich anhand eindeutiger Verhaltensweisen seinerseits das komplette Gegenteil beweisen. Zu seiner Erleichterung tat sie es nicht. „Du bist seine engste Bezugsperson, soweit ich weiß. Ob er nun in dich verliebt ist oder du lediglich der ihm nahe stehendste Vertraute auf der ganzen Welt bist: Er würde in beiden Fällen Angst haben, dich zu verlieren. Er ist nicht der umgänglichste Mensch und ich behaupte mal, er hat ein immenses Vertrauensproblem. Und nachdem er sich dir geöffnet hat, bist du ihm so oder so wichtig.“
John spürte, wie sich seine Wangen leicht röteten, und betete inständig, dass Claire es nicht bemerkte. Sherlock und sich ihm öffnen? Darauf hoffte er schon, seit jener ihn bei ihrer ersten Begegnung so unfassbar leicht durchschaut hatte. Der ehemalige Militärarzt öffnete sich ihm, ob er wollte oder nicht. Im Gegensatz dazu war und blieb Holmes für ihn ein Buch mit sieben Siegeln: Undurchdringlich, verschlossen, überlegen rational. Wenigstens die meiste Zeit über.


Die Polizistin gab ihm daraufhin intuitiv die passende Antwort auf seine schweigende Frage: „Er ist lediglich etwas unfähig, es zu zeigen.“
Etwas unfähig? John entfuhr ein leises Schnauben. Das war die Untertreibung des Jahrhunderts! Der Consulting Detective war ein Meister darin, seine Gefühle tief in sich zu begraben, sogar so tief, dass er selbst vermutlich nicht wusste, welche er überhaupt besaß. „Ich weiß gar nicht, ob ich an so eine Holmes-Version von Eifersucht überhaupt glauben soll. Allein die Vorstellung ist schon gruslig genug.“
Über Claires Lippen huschte ein zaghaftes Lächeln. „So unvorstellbar es auch klingen mag, aber dein Freund ist ein Mensch wie du und ich. Er sieht bloß mehr als wir.“
John kicherte leise. Seiner Meinung nach war das eine absolute Untertreibung, aber vielleicht war er nicht objektiv genug, um das beurteilen zu können. Nicht mehr. „Ich denke, vor allem er würde das ganz anders beurteilen.“
Seine Begleiterin schmunzelte viel sagend. „Reiner Selbstschutz.“ Ohne ein weiteres Wort der Erklärung schritt sie eilig voran.


John folgte ihr stirnrunzelnd und fragte sich, ob ihr Verhalten wohl etwas mit dem Kuss zu tun hatte. Hatte er eine Grenze überschritten, war er zu weit gegangen? Darüber hatte er sich bereits den vergangenen Abend den Kopf zerbrochen, nachdem sie auf seine spontane Tat so irritiert reagiert und ihm kurz darauf eröffnet hatte, dass sie wohl zuviel getrunken hatte und dringend nach Hause gehen sollte. Sie hatten sich kurz verabschiedet und sie war so schnell in der Menge verschwunden, dass er sich sicher war, nicht bloß Sherlock gegenüber völlig falsche Signale gesendet zu haben. Deswegen hatte er auch sofort erleichtert eingewilligt, als sie angerufen und um ein weiteres Treffen gebeten hatte. Er musste ihr unbedingt einiges erklären und würde dadurch hoffentlich ihre Befürchtungen zerstreuen.
Sie war ihm sehr sympathisch und er mochte sie, aber er hegte keinerlei sexuellen Gefühle für sie. Und er wollte, dass sie das wusste, bevor sie sich womöglich Hoffnungen machte, die er nicht erfüllen konnte. Bei all den Beziehungen, die er in den letzten Monaten geführt hatte und die dank seiner Arbeit auseinander gegangen waren, wollte er nichts riskieren. Nicht bei jemandem, der einmal nicht seine komplizierte Beziehung zu Sherlock in Frage stellte oder sie verurteilte. Nicht bei jemandem, der ihn verstand und seine Lage nachvollziehen konnte wie keine Zweite.


Allerdings wollte er es unter vier Augen besprechen und wartete daher, bis sie beide erneut in dem kleinen Pub saßen, diesmal sich gegenüber an einem kleinen versteckten Ecktisch.
John räusperte sich leise, nicht wissen, wie er anfangen sollte. „Ich… dieser Kuss… es war nicht… ich wollte damit nicht… es war bloß, um… du hast so verzweifelt gewirkt und ich wollte nur irgendwie zu dir durchdringen.“
Ihre Antwort bestand lediglich aus einem kurzen Nicken, erleichtert, mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. „Ich hatte schon Angst…“ Sie unterbrach sich und er sollte nie erfahren, was genau sie befürchtet hatte. Sie nickte ein zweites Mal, ihr Lächeln wurde breiter. „Der Alkohol war schuld.“
Einerseits störte es ihn, dass sie es zu überspielen versuchte, andererseits war er sehr froh darüber, dass sie sich keine falschen Hoffnungen machte. Daher ging er schnell auf ihren ironischen Spruch ein, bekräftigte diesen. „Definitiv.“
Sie gab sich sichtlich Mühe, nicht loszukichern. „Ein wahres Teufelszeug. Wir sollten ihn nie, niemals wieder auch nur anrühren. Nicht einmal den kleinsten Tropfen.“
Er nickte bestätigend, seine ruhige Art half ihm immens dabei, vollkommen ernst zu bleiben. „Absolut nicht. Das wäre fatal.“
Claire grinste schwach. „Genau! Cheers, Dr. Watson.“
Er hob sein Glas und prostete ihr zu. „Cheers.“ 
Beide leerten gleichzeitig ihren Scotch und begannen dann zur selben Zeit zu lachen.


Kaum hatten sie sich wieder beruhigt, stellte die Polizistin mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck ihr Trinkgefäß beiseite. „So, und jetzt gehen wir.“
John musterte sie mit einem verdutzten Stirnrunzeln. „Was?“
Sie holte geschäftig eine Zehn-Pfund-Note aus ihrem Geldbeutel und legte sie zwischen sie beide auf den Tisch. „Es ist Zeit. Er wird nicht länger warten, sondern gleich das Haus verlassen. Seine Neugier treibt ihn einfach dazu. Wenn wir nicht gehen, verpassen wir den richtigen Moment.“
Sein Stirnrunzeln wurde proportional zu seiner steigenden Verwirrung immer tiefer. Ihre Erklärungen halfen ihm überhaupt nicht weiter, erinnerten ihn sogar ein bisschen an Sherlocks überraschende Schlussfolgerungen, die dieser meist erst im Nachhinein näher erläuterte. „Welchen Moment? Wofür? Und von wem redest du?“
Für ihn unerwartet stand Claire auf, packte seine rechte Hand und zog ihn einfach mit sich. „Komm schon! Das siehst du gleich.“


Verdutzt ließ er sich von ihr mitschleifen, zu neugierig und zu verwirrt, um sich zu wehren. Er brachte nicht einmal ein weiteres fragendes Wort heraus, während sie den Schankraum durchquerten und schließlich hinaus an die kalte Luft traten.
Wieder schneite es, was John mit einem frustrierten Seufzen zur Kenntnis nahm. Doch Gelegenheit zu verzweifeln hatte er nicht, denn seine Begleiterin trieb ihn hastig voran. „Schnell, bevor unsere Chance vorbei ist!“
Ihr diebisches Grinsen machte ihn einerseits nervös, andererseits musste er nun unbedingt erfahren, was sie plante. Aus dem Grund folgte er ihr zwar irritiert, aber eilig vom Gehsteig herunter auf die Straße, wo sie möglichst nahe an den parkenden Autos vorbeilief und zielsicher auf das Haus mit der Nummer 221B zusteuerte.
Wenige Meter von der betreffenden Tür entfernt blieb sie stehen, duckte sich und riss John mit sich in die Hocke, sodass sie perfekt von einem mindestens zehn Jahre alten Ford verdeckt wurden. Sofort streckte Claire ihre Finger nach dem aufgeschippten Schnee vor ihr aus und nahm eine Handvoll auf, um daraus einen Ball zu formen. „ Du musst ihn aus seinem Trott reißen, wenn du seine schlechte Laune vertreiben willst. Tu was Unerwartetes, womöglich sogar Kindisches. Etwas womit er nie gerechnet hätte. Das wird ihn ablenken, seine Gedanken in eine völlig neue Richtung führen. Glaub mir, das hilft.“


Im Stillen ahnte er, was sie damit andeuten wollte, doch er wollte es einfach nicht glauben, was sie vorhatte, während sie umsichtig jeden noch so kleinen Stein aus der weißen Masse in ihren Händen entfernte.
Plötzlich stand sie auf, holte aus und zielte auf die Haustür, die sich genau in dem Moment öffnete und die Schussbahn auf eine hochgewachsene Person in einem langen dunklen Mantel freigab. Der Schneeball traf Sherlock mitten ins Gesicht, der erschrocken zurücktaumelte.
„Viel Glück!“, raunte Claire dem überraschten John zu, bevor sie ein vorbeirauschendes Auto als Deckung nutzte, um ungesehen zu entkommen.
Der ehemalige Militärarzt wollte ihr bereits nacheilen, doch es war schon zu spät.
„John?“ Die fragende und zugleich verärgert klingende Stimme seines Mitbewohners ließ ihn seufzend innehalten. Zuerst wollte er sich einfach aufrichten und die ganze Sache erklären, wie sie passiert war. Doch dann kamen ihm die Worte der Polizistin in den Sinn, dass er seinen Freund unbedingt aus seinem Trott reißen sollte. Sie hatte Recht, so verrückt es auch war. Langsam bückte er sich, hob einen dicken Batzen Schnee auf und formte ihn zu einer Kugel. Wenig später landete diese auf Sherlocks Brust.


Der ihn musterte, als wäre er vollkommen durchgeknallt. Was auch absolut nicht abwegig war. Zu seinem Unmut war dies leider die einzige Reaktion, die sein Gegenüber zeigte und die sich nicht sehr von seinem vorherigen Verhalten unterschied.
Soviel dazu, ihn aus seinem missmutigen Trott zu reißen.
„Warum hat sie das getan?“
John stöhnte leise auf. Es hätte ihn wirklich stark gewundert, wenn Sherlock Claires Flucht einfach so entgangen wäre.
„Und aus welchem Grund musstest du es ihr nachmachen?“ Die deutliche Verärgerung, die aus der Stimme seines Freundes sprach, bewies ihm, dass sein kindisches Tun absolut keine Wirkung gezeigt hatte.
Am liebsten hätte er etwas wie ‚Sherlock, das nennt sich Spaß’ oder ‚Noch nie etwas von einer Schneeballschlacht gehört?’ gerufen, doch er wusste, wie wenig sich jener mit solchen ‚Sentimentalitäten’ anfreunden konnte, insofern er ihren Sinn überhaupt begriff. Da musste man schon rabiatere Methoden anwenden.
Genau dieser Gedanke war es, der ihn umtrieb, während er das Auto vor ihm umrundete, und schließlich zu einer unüberlegten Handlung verleitete: Er nahm Anlauf, wurde mit jedem Schritt schneller und stürmte schließlich regelrecht auf seinen Mitbewohner zu, den er umriss und mit sich zu Boden warf.


Sie landeten beide auf halb auf der Seite, halb auf dem Bauch im Schnee, der den Aufprall auf dem harten Asphalt etwas abfederte. Trotzdem war der Schmerz stark genug, um ihm zu beweisen, dass dies eine ganz blöde Idee gewesen war.
Neben ihm drehte sich sein Freund stöhnend auf den Rücken. „Gott verdammt, was ist nur in dich gefahren?“
Seufzend tat es John ihm gleich. „Ich hab ihr geglaubt, dass man dich mit allen Mitteln aus deinem Trott reißen müsste. Und das kam dabei heraus.“
Er konnte Sherlocks stirnrunzelnden Blick regelrecht auf seiner Wange fühlen. „Ihre Schlussfolgerungen sind unvorhersehbar.“
Verwundert sah der ehemalige Militärarzt zu ihm hinüber. „Sie überrascht dich? Ich glaube, das ist das schönste Kompliment, was du ihr machen kannst.“, erklärte er lakonisch.
Sein Mitbewohner wandte sich ab und atmete tief ein, wie immer, wenn er kurz vor der Lösung eines kniffligen Rätsels stand oder seine Umgebung völlig ausblendete, um sich zu konzentrieren. „Sie erinnert mich irgendwie an dich.“
Sprachlos starrte John ihn an und blinzelte dann ein paar Mal heftig, um diese Nachricht zu verdauen. Das schrie geradezu nach einer staubtrockenen Antwort. „Und das ist das schönste Kompliment, das du mir in den letzten Wochen gemacht hast.“ Und das meinte er ehrlich, sehr ehrlich. Nicht weil er doch gewisse Gefühle für Claire hegte, sondern da Sherlock ihm damit indirekt gestanden hatte, dass auch er für den großen Meisterdetektiv manchmal undurchschaubar und überraschend war.


Sein Freund verstand seine Bemerkung allerdings völlig anders, was ihm ein wissendes Lächeln auf die Lippen zauberte. „Du wirst doch nicht mit ihr eine Beziehung eingehen?“
Jetzt nachdem die Polizistin ihn sozusagen vorgewarnt hatte, glaubte er, die Eifersucht deutlich aus der Stimme des Consulting Detectives herauszuhören. „Neeein.“ Er schüttelte entschieden den Kopf, während er das Wort etwas in die Länge zog, bis sich Sherlock neben ihm merklich entspannte. Nur um dann eine kleine prüfende Spitze anzubringen, ein winzige fiese Rache für all die schlechte Laune, die er in der letzten Zeit über sich hatte ergehen lassen müssen. „Man hat mir mal prophezeit, ich würde irgendwann eine Frau namens Mary heiraten.“
Die Augenbrauen seines Freundes wanderten vor Skepsis so weit nach oben, dass John sich mühsam beherrschen und an etwas furchtbar Trauriges denken musste, um ein verräterisches Zucken seiner Mundwinkel zu verhindern. Die folgenden Worte des Detektivs torpedierten beinahe all diese Bemühungen und fast hätte er laut herausgeprustet. „Und du glaubst einen solchen Unsinn?“
In diesem Moment fiel es dem ehemaligen Militärarzt erstaunlich leicht, ernst zu bleiben, obwohl es ihn im Stillen sehr amüsierte, wie einfach es doch manchmal war, Sherlock aufs Glatteis zu führen. „Natürlich. Ich stehe auf Frauen, die Mary heißen.“


Der Consulting Detective runzelte die Stirn und bedachte seinen Mitbewohner mit einem Blick, als wolle er herausfinden, ob jener nun vollkommen verrückt geworden war.
John seufzte ergeben. „Das war ein Scherz, Sherlock, Ironie. Ha ha.“
Statt einer Antwort landete eine Handvoll Schnee in seinem Gesicht.
Die todernste Erklärung seines Freundes folgte auf dem Fuß. „Allmählich begreife ich den Sinn dieses Spiels.“
Der ehemalige Militärarzt wischte sich irritiert das kalte Nass von seiner Haut und bemerkte dabei aus den Augenwinkeln, wie Sherlocks Mundwinkel verdächtig zuckten. Beinahe gleichzeitig begannen beide zu lachen, der Detektiv sogar wesentlich lauter als John, der ihn verwundert und erleichtert zugleich musterte.
Er hatte es fast bezweifelt, dass es funktionieren würde. So ungewöhnlich und zugleich so simpel war Claires Rat gewesen, dass er geglaubt hatte, sein Freund würde es sofort durchschauen und mit einem abfälligen Blick abtun.
Genau das waren die Momente, in denen er das Zusammenleben mit Sherlock so richtig genoss, obwohl er anfangs geglaubt hatte, hauptsächlich ihr gemeinsamer Drang nach gefährlichen Abenteuern würde sie verbinden und sonst kaum etwas. Sie beide, zusammen in einer völlig skurrilen Situation, das war es, was ihre Beziehung so erstrebenswert machte.
Und nun wusste er auch, dank Claire, wie leicht so eine Situation herbeigeführt werden konnte.


Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte er plötzlich, wie sich ihnen ein älteres Pärchen mit besorgten Mienen näherte. Verlegen setzte er sich auf und raunte seinem Mitbewohner zu: „Wir sollten langsam aufstehen. Ich glaube, wir liegen im Weg herum.“
Auf dessen Lippen schlich sich ein abfälliges Lächeln und er schnaubte leise. „Was interessiert es dich, was sie denken? Der Gehsteig ist breit genug.“
Verdutzt musterte John seinen Freund. „Das was wir gerade tun hat überhaupt keinen rationalen Sinn.“
Sherlock setzte eine todernste Miene auf. „Es dient der Festigung unserer Beziehung.“
Der ehemalige Militärarzt lachte kurz ungläubig auf, bevor er sich die Worte durch den Kopf gehen ließ. Hatte Claire Recht gehabt und bedeutete er dem anderen Mann wirklich so viel? Langsam ließ er sich zurück in den Schnee sinken. Das Ganze war ihm schon etwas unheimlich. „Aber wenn jetzt irgendwo ein mysteriöser Mord passiert, stehen wir doch wieder auf, oder?“
Der Consulting Detective starrte sturgerade aus in den Himmel hinauf. „Natürlich!“
John lächelte still. „Ja, das habe ich mir gedacht.“, murmelte er leise.


Nein, er wusste immer noch, welcher Art die Beziehung zwischen Sherlock und ihm wirklich war. ‚Ich bin mit meiner Arbeit verheiratet.’, hatte sein Mitbewohner ganz am Anfang behauptet. Sein Tonfall hatte etwas Endgültiges, Abweisendes gehabt. Doch dies hier war anders, erfreulich anders. Er bedeutete dem anderen Mann etwas, egal was es auch war, und jener war bereit, für ihn auch mal über seinen eigenen Schatten zu springen.
Und diese Erkenntnis war etwas, das er nie zu hoffen gewagt hatte. Und vielleicht der Beginn von etwas Größerem.



Ende