Samstag, 8. März 2014

Before Sunrise



Titel: Before Sunrise

Fandom: Harry Potter

Inhalt: Severus Snape hat den Angriff Naginis mit knapper Not überlebt, musste dafür aber einen schrecklichen Preis bezahlen: Er hat den Verstand verloren. Im Andenken an seine Mutter und Snapes heimliche Hilfe im Kampf gegen Voldemort sucht Harry verzweifelt nach einem Heilmittel. Als Hermine eine Möglichkeit entdeckt, dem ehemaligen Zaubertränkelehrer zu helfen, begleitet sie ihren besten Freund ins St. Mungo. Doch was dort geschieht, hätte niemand voraussehen können...

Spoiler: Spielt nach dem siebten Buch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Teil: 1/1
Disclaimer: Alle in dieser Story verwendeten Charaktere und Grundkonzepte sind Eigentum der jeweiligen Rechteinhaber. Sie werden einzig und allein zu Unterhaltungszwecken genutzt. Eine Copyright-Verletzung ist weder beabsichtigt noch impliziert.

Hauptcharakter(e)/Paar(e): Hermine Granger, Severus Snape, Ron Weasley, Harry Potter





Prolog

 


Sehr oft entscheiden wertvolle Sekunden über Leben und Tod. Die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit können Leben retten. Ob nun das eigene oder das eines anderen.
Oder sie verurteilen Menschen zum Tode. Kalt, erbarmungslos und ohne Mitleid.
Die Zeit schert sich nicht um Opfer, begünstigt niemanden, der sich ihr unterwerfen muss, verläuft nicht langsamer oder schneller, um Leben zu retten. Sie ist einfach nur da, teilt das Leben ein in Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate und Jahre. Sie richtet nicht selbst, lässt Menschen nicht altern oder bestimmt, wann sie sterben. Doch man fürchtet sie, wenn sie einem durch die Finger rinnt, während man sie am meisten braucht, und so unendlich langsam vergeht, wenn man sich in einer unangenehmen Situation befindet. Sie trägt keine Schuld an dem, was passiert, doch sie lässt es zu.



Sehr oft möchten wir die Zeit zurückdrehen, um eigene oder fremde Fehler wieder gutzumachen, zu verhindern oder abzuschwächen. Wir möchten, dass die Zeit zu unserem Freund wird, uns dabei hilft, die Vergangenheit zu bewältigen oder sie endlich hinter uns lassen zu können. Denn vergangene Zeit ist ein zweischneidiges Schwert: Sie entzieht sich unserem Einflussbereich, doch wir haben sie ständig vor Augen. Das, was wir uns haben zuschulden kommen lassen, das, was wir versäumt haben, das, was wir damals nicht wussten.



Manchmal verlieren wir uns in der Zeit, die längst vergangen ist. Wir leben in ihr, versuchen, die Geschehnisse zu verändern, obwohl es nicht mehr in unserer Macht liegt. Wir träumen davon, was wir hätten tun können, sollen oder was wir lieber unterlassen hätten.
Die Gegenwart stagniert, bleibt unbeachtet und wird ignoriert. Genau wie die Menschen und Ereignisse, die sich in ihr bewegen und zutragen.
Es ist, als würde eine ewige Nacht über uns hereinbrechen, mit ihren Träumen, ihrer Dunkelheit, ihrer verborgenen Ereignishaftigkeit. Als würden wir nur das sehen, was wir sehen wollen, nur das fühlen, was wir fühlen wollen.
Doch manchmal schafft es eine Begegnung oder ein Erlebnis, sich in diese Traumwelt zu verirren und uns an die Gegenwart zu erinnern. Oder nur einfach daran, dass wir vergangene Fehler nicht auslöschen oder zurücknehmen können. Wir können nur verhindern, dass wir sie ein zweites Mal begehen, wenn wir eine zweite Chance erhalten, uns zu beweisen.



Und dann geht die Sonne auf und löscht die stagnierende Dunkelheit aus.



As the Sun went down

 Die kalkweißen Wände deprimierten sie, erinnerten sie an all ihre Freunde, die in der letzten Schlacht gegen Voldemort gefallen waren. Und an all die Menschen, die im Kampf gegen den Dunklen Lord für ihr restliches Leben schwer geschädigt worden waren. Ob nun physisch oder psychisch. Einer dieser Menschen lebte seit sieben Jahren in der geschlossenen Abteilung des Krankenhauses und vegetierte dort regelrecht vor sich hin. Jedenfalls befürchtete Hermine dies. Manchmal, wenn sie Harrys betroffenes Gesicht sah, nachdem er bei Severus Snape gewesen war, stellte sie sich vor, wie hart es ihren ehemaligen Zaubertränkelehrer getroffen haben musste. Sie hatte diesen bisher nicht ein einziges Mal besucht. Nicht aus Hass oder weil sie ihm nicht vergeben konnte, sondern aus Furcht davor, was sie vorfinden würde. Ihr bester Freund hatte ihr bereits mitgeteilt, dass der Anblick des früheren Lehrers sie erschüttern würde. Dass dieser Snape nicht einmal im Entferntesten etwas mit dem Mann gemein hatte, den sie fast sieben Jahre lang verabscheut hatte. Und nun würde sie ihm in wenigen Minuten gegenübertreten.



 Sie wusste nicht genau, was oder wen sie erwartete. Sie wusste nicht einmal, wie sie nach all den Jahren zu Severus Snape stand. All die Dinge, die er gesagt und getan hatte: Würden sie ihr wieder bewusst werden, falls sie ihn wiedersah? Ihr war klar, dass sie ihn nicht mehr hassen konnte, nach all dem, was sie über ihn im Nachhinein erfahren hatte. Doch sie war immer noch verwirrt und unsicher, was ihre Einstellung ihm gegenüber anbelangte. Wenn er damals gestorben wäre, wäre es viel einfacher gewesen. Er wäre für alle der heimliche Held im Kampf gegen Voldemort gewesen. Der Mann, der sein Leben gegeben hätte, um den Jungen-der-lebt zu schützen. Es war hart, dies zu denken, aber es entsprach der Wahrheit. Wenn er tot wäre, hätte sie gewusst, was sie von ihm hielt. Doch er war nicht tot. Er hatte überlebt. Und damit stellte sich für sie die Frage, welchem Snape sie bald gegenübertreten würde: Dem Mann, der sein Leben lang andere bewusst von sich weggestoßen, sie sogar gedemütigt hatte? Oder demjenigen, der all die Jahre im Gedenken an seine große Liebe Menschen beschützt hatte, die niemals von seinen wahren Absichten hatten erfahren dürfen? Wenn sie einen literarischen Vergleich hätte ziehen müssen, wäre ihr vielleicht am ehesten Stevensons Dr. Jekyll und Mr. Hyde eingefallen. 



Sie musste sich eingestehen, dass es ihr nicht so sehr darum ging, sein wahres Wesen zu erkennen. Vielmehr fragte sie sich, wie er auf sie reagieren würde: Wie der gehässige Zaubertränkelehrer, der sie entweder ignoriert oder wie ein verabscheuungswürdiges Insekt behandelt hatte, oder wie der neue Snape, der nun nicht mehr den treuen Todesser spielen musste und endlich sein wahres Ich preisgab? Mit einem frustrierten Seufzen schüttelte sie energisch den Kopf, sodass sich eine einzelne Strähne aus ihren hochgesteckten Haaren löste. Nein, Hermine, ermahnte sie sich, er hatte seinen Verstand verloren. Du wirst schon Glück haben, wenn er dich erkennt. Falls er dich überhaupt bemerkt. Sie sollte einfach reingehen, wie Harry es ihr geraten hatte, während er versuchen würde, den Leiter des St. Mungo zu überreden. Sie sollte sich den Kranken ansehen und beurteilen, ob der spezielle Trank, den sie entdeckt hatte, ihm auch helfen konnte. Es war nicht so, dass ihr bester Freund den Heilern des Krankenhauses nicht traute. Aber diese hatten Snape schon vor fünf Jahren aufgegeben und glaubten nicht mehr an den Erfolg irgendeiner Heilmethode. Zudem war der Illuminatus-Trank einer der schwierigsten und gefährlichsten Tränke überhaupt. Seine Wirkung war nie hundertprozentig genau vorhersehbar und bisher war es nur einem Mann der derzeit noch lebenden Zauberer gelungen, ihn zu brauen, ohne dabei schwerste Verletzungen davonzutragen. Doch dieser Mann lebte seit sieben Jahren in dem kleinen Zimmer direkt vor ihr.



 Nervös strich sie sich die widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht und streckte ihre Hand zögerlich nach dem Türgriff aus. Allmählich kam sie sich dumm vor, wie sie so verloren und unentschlossen in diesem Gang herumstand. Bevor sie noch gefragt wurde, was genau sie suchte, drückte sie die Klinke herunter und betrat energisch den Raum. Egal was sie dort drin erwarten würde: Sie wollte auf keinen Fall wie ein unsicherer Teenager wirken, der leicht einzuschüchtern war. Was sie sah, nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, entsetzte sie zutiefst. Überall in dem Zimmer, ob auf dem Boden, dem Bett rechts von ihr oder dem Tisch und dem Stuhl auf der linken Seite, waren hunderte von Photos verstreut. Bestürzt trat sie zurück an die Tür, als sie bemerkte, dass sie mit ihren hochhakigen Schuhen auf einigen der Abzüge stand. Sie konnte nicht einmal die Hälfte der Leute oder Situationen benennen, die regelrecht auf sie einfluteten, als sie den Blick schweifen ließ. Zudem war sie mit dem Gesamteindruck vollkommen überfordert. All dies hätte sie niemals erwartet. Doch es waren nicht die vielen Bilder, die sie so erschütterten. Es war auch nicht Snapes unerklärliches Bemühen, sie in eine Reihenfolge zu bringen, die niemand sonst durchschauen würde. Auch die unnatürlich groß und unschuldig wirkenden Augen des Schwarzhaarigen erschreckten sie kaum, während er auf seinem Bett saß und mit unheimlichen Geduld und kindlicher Faszination die Photos vor ihm sortierte. All dies war zu unnatürlich, zu surreal für ihren Geschmack, als dass sie es überhaupt wirklich realisieren konnte. Selbst die Tatsache, dass er sie gar nicht zu bemerken schien, schockte sie nicht.



 Nein, das Schlimmste an diesem Anblick war, so verrückt und zugleich unfreiwillig komisch es auch klingen mochte, sein gewaschenes Haar. Dieser schwarze, fettige Vorhang, hinter dem er sich all die Jahre versteckt hatte, der regelrecht zu seinem Markenzeichen geworden war, glänzte nun seidig im Licht der Sonne, die durch das schmale Fenster in den Raum fiel. Sie sahen nicht mehr fettig oder ungewaschen aus, sondern wellten sich sogar an seinem Kopf herunter bis zur Schulter hinab. Wellen... es war wirklich und wahrhaftig wellig, wirkte fast schon attraktiv. Und ließ ihn nur noch mehr wie ein hilfloses, viel zu großes Kind aussehen. Zudem gewann Hermine immer stärker den Eindruck, dass es nun heller war. Sie konnte keinerlei graue Strähnen entdecken, das war nicht der Grund. Doch wenn man es genauer betrachtete, fiel ein leichter Stich ins Dunkelbraune auf, den sie früher nie bemerkt hatte. Sein Gesicht wirkte dadurch nicht mehr ganz so aschfahl wie einst. Immer noch bleich, ja, aber kaum noch kränklich. Dies wurde noch unterstützt durch die weiße Krankenhauskleidung, die er trug und die sie zusätzlich bestürzte. Sie hatte ihn nie etwas anderes als Schwarz tragen sehen.



 Plötzlich blickte er auf, als hätte er etwas gehört, und runzelte verwundert die Stirn. Als er den Kopf langsam in ihre Richtung drehte, versuchte sie unwillkürlich, noch weiter nach hinten zu stolpern. Daraufhin bohrte sich die Türklinke schmerzhaft in ihren Rücken. Sie ließ ihn nicht aus den Augen, doch sie konnte den Ausdruck in seinem Gesicht einfach nicht deuten. Er war überrascht, das konnte sie erkennen. Aber da lag noch soviel mehr in diesem Blick. Soviel, dass sie sich davor fürchtete, es zu entschlüsseln. In diesem Moment stand er vorsichtig auf und kam langsam auf sie zu. Sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte, kämpfte zugleich mit dem Mitleid, das sie auf einmal überkam, und ihrem verzweifelten Fluchtreflex. Wenn sie doch nur erkennen könnte, was er vorhatte! In jeden Fall sah er sie anders an als sonst. Irgendwie beschämt und voller Reue. Fast so, als würde er sie jeden Augenblick um Vergebung bitten wollen. Als er die Hand nach ihr ausstreckte, war sie sie gefangen in einer seltsamen Faszination. Wahrscheinlich hoffte sie, dass er ihr versichern würde, er hätte all diese hässlichen Dinge nur zu ihr gesagt, um seine Rolle aufrecht zu erhalten. Ihr Stolz gebot ihr zwar, sie solle auch ohne eine Entschuldigung wissen, dass sie sehr gut in dem war, was sie tat. Doch das kleine Mädchen in ihrem Inneren war nicht so überzeugt davon.



 „Lily.“, hauchte er plötzlich und sie erstarrte geschockt, während er ihr mit seinen langen, dürren Fingern über die Wange strich. Was ging hier vor sich? Was sollte das?, fragte sie sich verzweifelt, schaffte es aber nicht, diese Fragen laut auszusprechen. Besonders da er sich in diesem Moment zu ihr hinunterbeugte, um sie zu küssen. Sanft legten sich seine Lippen auf ihre und sie riss erschrocken die Augen auf. Innerlich schrie sie laut auf, protestierte und wollte einfach nur die Flucht ergreifen. Doch sie konnte sich nicht rühren, ihn nicht einmal von sich wegstoßen. Sie wusste nicht einmal, was genau sie bei diesem unglaublich lange erscheinenden Kuss empfand: Abscheu, Verwunderung, Angst? Wie in Trance gelang es ihr schließlich, die rechte Hand zwischen die Tür und ihren Rücken zu schieben und nach der Klinke zu tasten. Als sich seine Lippen endlich von ihrigen lösten und er etwas zurückwich, trat sie einen Schritt auf ihn zu, öffnete die Tür und huschte hinaus.
Ohne sich noch einmal zu ihm umzudrehen, rannte sie, als hinge ihr Leben davon ab, die Gänge entlang bis zum Ausgang. 


~ * ~ * ~
 


„Er hat was?“ Hermine warf Ron einen vorwurfsvollen Blick zu, als sie einen deutlichen Anflug von Eifersucht aus seiner Stimme heraushören konnte. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, wie er erst reagierte, wenn sie ihm auch noch erzählen würde, dass Snape sie geküsst hatte. „Er ist geistig verwirrt, Ron. Er hat sie wahrscheinlich gar nicht erkannt.“ Der Angesprochene warf Harry einen fassungslosen Blick zu. Seine Stimme schraubte sich automatisch ein paar Oktaven nach oben. „Er hat sie Lily genannt. Nach deiner Mutter. U-und der Frau, die er geliebt hat.“ Seine Schwester Ginny schnaubte leise. „Geistige Verwirrung, Ron! Eigentlich müsstest du doch am besten von uns darüber Bescheid wissen. Sozusagen aus eigener Erfahrung.“ Rons Augen verengten sich zu Schlitzen. „Haha, sehr witzig.“ Hermine seufzte und stand kopfschüttelnd von ihrem Küchenstuhl auf. Inzwischen hatte sich ihr Schock gelegt und war einer Nachdenklichkeit gewichen, die sie das Geschehene nun ohne Fassungslosigkeit betrachten ließ. Inzwischen verspürte sie nur noch Mitleid. „Er lebt in einer eigenen Welt. Harry hat Recht. Wahrscheinlich weiß er gar nicht, wen er da vor sich gehabt hatte. Oder glaubst du wirklich, dass Snape während der letzten sieben Jahre romantische Gefühle für mich entwickelt und dann einfach meinen Namen vergessen hat?“



 Ihr Ehemann schnitt eine gequälte Grimasse. „Ich weiß nicht. Irgendwie ist das ne gruslige Vorstellung. Fehlt bloß noch, dass er dich geküsst hätte.“ Es kostete ihr alle Mühe, ihren geduldigen Gesichtsausdruck beizubehalten. Manchmal konnte Ron blitzartig hellseherische Fähigkeiten entwickeln. Besonders wenn er nicht darüber nachdachte, was er sagte, sondern aussprach, was er fühlte. „Keine Sorge, Schatz. Soweit konnte es gar nicht kommen. Ich bin sofort umgedreht und davongelaufen.“, log sie und sofort meldete sich ihr schlechtes Gewissen. Doch zu ihrem Glück rettete ihr Mann sie mit einem seiner spontanen, unfreiwillig komischen Kommentare. „Ja, das hätte ich an deiner Stelle auch getan.“ Augenblicklich brachen sie, Harry und Ginny in schallendes Gelächter aus. Sich Ron vorzustellen, wie er vor Snape davonrannte, brachte Hermine schnell auf andere Gedanken und ließ sie ihre Beunruhigung fürs Erste vergessen.



~ * ~ * ~
 


Am nächsten Morgen klingelte es ungewöhnlich früh an ihrer Wohnungstür. Während Ron etwas von „Töte bitte den bescheuerten Postboten für mich“ murmelte und sich auf die andere Seite drehte, stand Hermine schlaftrunken auf, warf sich ihren Bademantel über und schleppte sich aus dem Raum. Nachdem sie sich zu viert am gestrigen Tag noch bis in die Nacht hinein unterhalten hatten, hatte sie eigentlich gehofft, an diesem Samstagmorgen mal ausschlafen zu können. Die Post war wirklich hinterhältig und gemein. Doch draußen auf dem Hausflur erwartete sie kein Paket, sondern Harry. Verblüfft blinzelte sie ein paar Mal und bemerkte dann, wie angespannt ihr bester Freund war. „Was ist los?“ Er seufzte nervös. „Hermine, du musst mitkommen.“, erklärte er ihr und schien Mühe zu haben, seine Fassung zu bewahren. Sofort nickte sie alarmiert. „Okay, na gut. Aber was ist passiert?“ Er warf ihr einen flehenden Blick zu und sie verstand. Eilig huschte sie ins Bad, um sich die Kleidung vom Vortag anzuziehen, während er wartete. Innerhalb weniger Minuten war sie fertig, obwohl ihre Haare wieder einmal nicht so wollten wie sie. Doch bei einem Notfall kam es sowieso nicht auf die passende Frisur an.



 „Was ist passiert?“, erkundigte sie sich erneut, während sie und Harry schon die Treppe hinunter zur Haustür hasteten. „Es geht um Snape.“ Abrupt blieb sie stehen. „Was ist mit ihm?“ Der Blick den Dunkelhaarigen wanderte hilflos zu ihr hinüber. „Sie haben mir heute früh Bescheid gegeben. Er ist wieder vollkommen gesund. Und das über Nacht!“ Fassungslos folgte sie ihm. Auf der Fahrt ins St. Mungo sprach sie kein einziges Wort, während Harry den Wagen steuerte. Zu sehr war sie mit der Frage beschäftigt, ob sie vielleicht etwas mit der plötzlichen Genesung zu tun hatte. Hatte dieser Kuss womöglich doch ihr gegolten, weil sie Snape an Lily erinnert hatte? Hatte sie sich etwa geirrt und irgendetwas in ihm ausgelöst, das ihn geheilt hatte? Würde er jetzt vielleicht sogar ganz anders auf sie reagieren als vor seiner Krankheit? Wenn ja, dann konnte sie diesmal eine geistige Verwirrung nicht dafür verantwortlich machen. Dann hatte sie ein ernstes Problem. „Hast du gestern irgendetwas zu ihm gesagt?“, riss ihr bester Freund sie aus ihren Gedanken. Sie schüttelte energisch den Kopf. Vielleicht etwas zu energisch. „Nein, hab ich nicht.“ Er nickte stumm, doch sie konnte ihm ansehen, dass er sämtliche Möglichkeiten in Betracht zog, die Snapes überraschende Gesundung erklären könnten. Wahrscheinlich überlegte er sogar, ob sie ihm nicht irgendetwas verschwieg.



 Dennoch fragte er nicht weiter nach und hüllte sich in Schweigen, bis sie das Krankenhaus betraten. „Willst du schon mal vorgehen und sehen, wie’s ihm geht, während ich mit den zuständigen Heilern spreche?“ Seine Stimme klang geduldig, doch sie fühlte sich sofort von seinen Blicken durchleuchtet. Als wartete er darauf, dass sie irgendeine verräterische Reaktion zeigte. „Ja, natürlich.“, antwortete sie instinktiv und verfluchte sich sogleich im Stillen dafür. Denn während Harry davoneilte, blieb sie allein im Gang zurück. In Sichtweite der Tür, hinter der Snapes Zimmer lag. Komm schon, Hermine, ermahnte sie sich, bring es einfach kurz und schmerzlos hinter dich. Zögerlich setzte sie sich in Bewegung und öffnete schließlich mit einem entschlossenen Ruck die Tür. Der Anblick, der sich ihr bot, weckte sofort Erinnerungen an früher. Ihr ehemaliger Zaubertränkelehrer war gerade dabei, seinen Koffer mit dem Wenigen zu packen, das er besaß. Und er wirkte wie damals: Seine Ausstrahlung war kühl, nicht mehr kindlich wie am Vortag. Seine Haare waren zwar noch nicht so fettig wie einst, aber er schien sie mit Gel oder etwas Vergleichbarem geglättet zu haben. Die Wellen darin waren fast verschwunden. Zudem trug er schwarz: Schwarze Schuhe, eine schwarze Hose und darüber einen schwarzen Mantel, in denen er noch dünner wirkte, als er schon von Natur aus war. So wie früher.



 Sie wollte ihn gerade auf sich aufmerksam machen, als er zu sprechen begann. In seinem ihr bekannten eisigen Tonfall und ohne dabei von seinem Tun aufzublicken. „Sie wollten tatsächlich einen Illuminatus-Trank bei mir anwenden? Wer hätte ihn gebraut? Sie etwa?“ Unwillkürlich fühlte sie sich in ihre Schulzeit zurückversetzt. „Ja, Sir.“, brachte sie mühsam hervor. Augenblicklich sah er auf und zog seine Augenbrauen verächtlich nach oben. „Sind Sie komplett verrückt? Glauben Sie wirklich, Sie hätten diesen Trank hinbekommen, ohne eines Ihrer Körperteile zu verlieren? Sie überschätzen Ihre Fähigkeiten, Granger!“ Ihr Stolz hätte ihm am liebsten geantwortet, dass sich in den letzten sieben Jahren viel geändert hatte. Und dass sie schon damals in Hogwarts zu sehr viel mehr imstande gewesen war, als er ihr zugetraut hatte. Doch sie unterließ es. „Dazu ist es ja dann auch nicht gekommen.“, erwiderte sie nur kühl, drehte sich um und verließ den Raum.
Auf ihrem Gesicht erschien ein erleichtertes Lächeln. Es war wieder so wie früher. Er war wieder so wie früher. Und das war etwas, mit dem sie immer noch am besten zurechtkam, wie sie jetzt wusste. 



Ende


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